Seitenanfang

Impfungen

Impfung allgemein

Der menschliche Körper ist sein Leben lang Faktoren belebter (Bakterien, Viren, Prionen) und unbelebter (giftige Metalle, Gase, Säuren und Laugen, Hitze, Kälte, radioaktive Strahlung etc.) Natur ausgesetzt, die ihn krank machen und im Extremfall töten können. Im Laufe der Evolution hat der menschliche Organismus eine Vielzahl von Strategien entwickelt, um sich zu schützen.

Die Haut zum Beispiel ist eine mechanische Barriere, die das Eindringen von Keimen und Giften verhindern kann. Ein anderes Beispiel für einen Abwehrmechanismus ist das Immunsystem, welches auf molekularer Ebene den Körper vor Erkrankung schützt. Es besteht aus speziellen Eiweißmolekülen (Proteinen), Antikörper genannt, und speziellen Abwehrzellen, Leukozyten oder auch „weiße Blutkörperchen“ genannt. Antikörper und Leukozyten bilden einen Abwehrverbund, indem sie in den Körper eindringende Bakterien und Viren unschädlich machen.

Impfungen stärken das Immunsystem und senken so die Wahrscheinlichkeit, an den entsprechenden Infektionskrankheiten, gegen die geimpft wurde, zu erkranken. Man unterscheidet grob die aktive und die passive Immunisierung. Genaueres erfahren Sie in den folgenden Abschnitten, oder fragen sie Ihren Apotheker.

Historie

Der Grundgedanke der Schutzimpfung entstammt der Jahrtausende alten Erfahrung, dass durchgemachte Infektionskrankheiten und Vergiftungen einen wirksamen Schutz vor derselben Erkrankung zu einem späteren Zeitpunkt darstellen.

Im 19. Jahrhundert wies der englische Arzt Jenner nach, dass ein Junge, der mit Kuhpockenblaseninhalt geimpft worden war, sechs Wochen später bei einer Prüfinfektion mit echten Pocken gegen die Pockenerkrankung geschützt war. So entstand der Begriff der Vakzination (vacca = Kuh), der heute für alle aktiven Impfungen (siehe unten) steht. Die passive Impfung ist im Rahmen der Diphterie- und Tetanusforschung von Behring und Kitasato entdeckt worden.

Grundlagen des Immunsystems

Das Immunsystem gliedert sich in die natürliche (angeborene, unspezifische) und in die erworbene (adaptive, spezifische) Abwehr.
Die natürliche Abwehr verändert sich während des Lebens nicht mehr. Zu diesem System gehören z. B. Phagozyten (Fresszellen) und das Komplementsystem. Die natürliche Abwehr unterscheidet sich von der erworbenen Abwehr, die, wie der Name schon erahnen lässt, erst im Laufe des Lebens gebildet wird. Die Bestandteile der erworbenen (spezifischen) Immunität sind B- und T- Lymphozyten (spezielle weiße Blutkörperchen) sowie die von den B- Lymphozyten gebildeten Antikörper. Das spezifische Immunsystem allein ist für die Möglichkeit der Impfung maßgeblich verantwortlich. Um die Vorgänge bei der Impfung zu verstehen, benötigt man folgende Grundkenntnisse der spezifischen Immunität:

Gelangen pathogene (krankheitserzeugende) Fremdkörper, z.B. Bakterien oder Viren, in den Organismus und kommt es zu einer Infektion, werden die Fremdkörper von den B- und T- Lymphozyten als körperfremd erkannt, da sie eine andere Oberflächenbeschaffenheit haben als körpereigene Zellen. T- Lymphozyten kann man grob in T-Helferzellen und T-Killerzellen einteilen. Die T-Helferzellen reagieren, indem sie beim Erkennen von Fremdkörpern hormonähnliche Botenstoffe produzieren und somit andere Abwehrzellen anlocken, aber auch die Reifung von B-Lymphozyten zu B-Plasmazellen induzieren, welche Antikörper produzieren. Die T-Killerzellen zerstören körpereigene Zellen, die von Viren befallen sind, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Reife B-Lymphozyten, B-Plasmazellen, produzieren Antikörper, welche Viren und Bakterien, aber auch Giftstoffe angreifen und für deren Zerstörung sorgen können. Von Antikörpern opsonierte (umringte) Fremdkörper können nämlich besser von Fresszellen erkannt und gefressen werden, als wenn sie sich frei im Körper bewegen.

Bei der Erstinfektion mit einem Keim werden Antikörper vom Typ IgM gebildet. Infiziert sich der Organismus Jahre später noch einmal mit dem gleichen Keim, produzieren die B-Plasmazellen in wesentlich kürzerer Zeit wesentlich mehr Antikörper, und diesmal hauptsächlich vom Typ IgG. Die Körperabwehr arbeitet also bei einer Zweit- und jeder weiteren Infektion mit gleichem Keim wesentlich effektiver und schneller. Das liegt daran, dass sich so genannte B-Gedächtniszellen (B-memory cells) die Beschaffenheit des Keims gemerkt haben und so bei erneuter Infektion auf ihn vorbereitet sind. Eine Erkrankung bleibt dann meist aus, die Infektion bleibt unbemerkt.

Diese Fähigkeit des spezifischen Immunsystems, sich Keime zu merken, erklärt, dass man von vielen Krankheiten nur einmal im Leben befallen wird ( z.B. Windpocken oder Masern). Bei der aktiven Impfung macht man sich die Merkfähigkeit der Gedächtniszellen zunutze, indem man künstlich eine Erstinfektion durch abgeschwächte oder abgetötete Erreger herbeiführt. Auch dann ist der Körper auf eine weitere Infektion, dann mit dem lebenden, krankmachenden Erreger, vorbereitet. Man ist immunisiert, d.h. geimpft.

Aktive Immunisierung

Die aktive Immunisierung soll einen langfristigen Schutz gegen verschiedene Infektionskrankheiten bieten; sie wird beim Gesunden durchgeführt. Bei der aktiven Immunisierung werden abgetötete oder attenuierte (abgeschwächte), vermehrungsfähige Erreger oder Teilprodukte (z.B. Membranproteine, abgeschwächte Giftstoffe) verabreicht, um die beschriebenen Immunreaktionen hervorzurufen. Es werden also Gedächtniszellen gebildet, die sich die Erregerbeschaffenheit über Jahre merken können. Der geimpfte Organismus reagiert also z.B. bei einer Maserninfektion, als würde es sich um eine Zweitinfektion handeln - es werden sofort so viele Antkörper und Abwehrzellen gebildet, dass der Ausbruch der Masernerkrankung verhindert wird. Impfungen verhindern also die Erkrankung, jedoch nicht die Infektion.

Aktive Immunisierungen sollten meistens so früh wie möglich ausgeführt werden, jedoch ist der Reifegrad des Immunsystems dabei zu berücksichtigen. Neugeborene können gegen Tetanus und Kinderlähmung geimpft werden, jedoch nicht gegen Diphterie und Keuchhusten (erst ab dem dritten Lebensmonat). Weiterführende Informationen hierzu liefert ein Impfkalender

Bei der aktiven Immunisierung unterscheidet man zwischen Impfstoffen mit vermehrungsfähigen und nicht vermehrungsfähigen Erregern, d.h. zwischen Lebend- und Totimpfstoffen (siehe unten). Lebendimpfstoffe sind in der Regel effizienter als Totimpfstoffe, d.h. es werden seltener Auffrischimpfungen erforderlich.

Passive Immunisierung

Bei der passiven Immunisierung werden dem Organismus Immunglobuline (Antikörper) tierischen oder menschlichen Ursprungs zugeführt, um kurzfristig eine Infektion oder Vergiftung zu verhindern oder abzuschwächen. Die Wirkung tritt sofort ein, da die Antikörper direkt bereit sind, den Krankheitserreger zu neutralisieren. Sie hält allerdings nur wenige Wochen bis Monate an, da keine Gedächtniszellen gebildet werden.

So dient die passive Immunisierung nur der kurzzeitigen Prophylaxe vor Erkrankung oder deren Abmilderung. Sie ist vor allem dann von Bedeutung, wenn der Patient schon infiziert oder die Infektion nicht auszuschließen ist. Typische Beispiele sind die Tetanusprophylaxe bei Verletzung und die Tollwutprophylaxe bei Bissverletzung.

Impfstoffarten

Bei der aktiven Immunisierung unterscheidet man zwischen Lebendimpfstoffen, das sind vermehrungsfähige, jedoch abgeschwächte (attenuierte) Erreger, und Totimpfstoffen, das sind abgetötete Erreger, Erregerfragmente oder Toxoide. Die Wirksamkeit der Lebendimpfstoffe ist in der Regel größer, bei Totimpfstoffen werden häufiger Auffrischimpfungen fällig.

Bei der passiven Immunisierung werden Antikörper gespritzt.

Impfungen und Schwangerschaft

Bestimmte Erkrankungen stellen in der Schwangerschaft ein Risiko für Fruchtschäden dar. Überhaupt trägt auch ein Erkranken der Schwangeren zu einer allgemeinen Risikoerhöhung für die Schwangerschaft bei. So sollten alle erforderlichen Impfungen vor dem Erreichen des gebärfähigen Alters erfolgt sein (siehe Impfkalender für Kinder und Jugendliche). Fruchtschäden sind durch Impfungen nicht zu erwarten.

Empfohlen wird ein Virusantikörpertest vor Planung der Schwangerschaft gegen Röteln, Hepatitis B und Varicella-Zoster-Virus. Bei Fehlen von Antikörpern werden Schutzimpfungen durchgeführt. Danach ist bis zum Schwangerschaftsbeginn ein Intervall von mindestens vier Wochen empfohlen.

Während der Schwangerschaft

  • Poliomyelitis (Kinderlähmung): nur bei Indikation (Reise in Polio-Gebiet) empfohlen
  • Masern: während der Schwangerschaft nur passive (keine aktive) Immunisierung (bei Exposition)
  • Röteln: keine aktive Impfung mit Lebendimpfstoffen, nur passiv mit Röteln-Antikörper
  • Tetanus: einzige Impfung, die zu jeder Zeit, auch in der Schwangerschaft, zu empfehlen ist
  • Diphterie: Schwangere nur bei Ansteckungsgefahr zu impfen; Erkrankte erhält Diphterieantitoxin (passive Immunisierung gegen das Diphterie-Gift)
  • Haemophilus influenza Typ B: keine
  • Pertussis: keine
  • Tuberkulose: keine
  • Influenza (Grippe): wegen Fieberreaktion nicht in den ersten Schwangerschaftsmonaten
  • Varizellen (Windpocken): keine mit Lebendimpfstoff; Varizelleninfektion ruft Fruchtschäden hervor, deswegen unbedingte Kontrolle vor der Schwangerschaft
  • FSME (Zeckenschutz): nur bei nicht vermeidbarer Expositionsgefahr indiziert
  • Hepatitis: bei Bedarf möglich
  • Tollwut: bei Bedarf möglich
  • Gelbfieber: bei nicht vermeidbarer Expositionsgefahr indiziert