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Zucker

Zucker: Süßer Brennstoff fürs Gehirn

Über die schadhaften Auswirkungen von übermäßigem Zuckergenuss wissen wir alle, dank intensiver Aufklärung mit stets erhobenem Zeigefinger, mittlerweile Bescheid: Ruckzuck macht er aus uns zahnlose und unförmige Gestalten, die in unserer total fitten Gesellschaft keinerlei Chancen auf ein zufriedenstellendes Sozialgefüge mehr haben.

So, jetzt wird der mahnende Zeigefinger mal kurz in die Pause geschickt, und der Zucker kann sich über ein bisschen Lob freuen – zunächst einmal dafür, dass er süß schmeckt. Täte er das nicht, müssten wir nach der Kalbshaxe als Nachtisch wahrscheinlich noch eine Kalbshaxe verdrücken, da ein Mousse au Chocolat völlig ohne Zucker wohl nicht in der Lage wäre, in die Liste der "Top-Ten Gaumenfreuden" zu kommen. Auch Tiramisu, Kuchen und Co. hätten arge Schwierigkeiten, ihre derzeitige Beliebtheit zu halten.

Was ist Zucker eigentlich?

Aber auch abseits der Genussfrage hat Zucker einiges zu bieten: Ohne ihn würde nämlich schlichtweg nichts laufen, denn Zucker ist der Hauptbrennstoff unseres Organismus. Aber der Reihe nach: Zunächst einmal ist Zucker nicht gleich Zucker.

Wissenschaftlich betrachtet, ist "Zucker" ein Überbegriff für eine ganze Familie unterschiedlicher, aber einander in Struktur und Funktion weitgehend ähnlicher Kohlenhydrate. Diese haben so lustige Namen wie Galaktose, Fructose, Maltose, Saccharose usw. Wenn der Volksmund "Zucker" sagt, dann meint er in der Regel den Rohr- oder Rübenzucker. Die Naturwissenschaftler nennen ihn "Saccharose", zum einen, weil das viel studierter klingt, zum anderen, weil es die Saccharose von anderen Zuckern unterscheidet. Zum Beispiel von der Glucose, um die es hier eigentlich gehen soll.

Wozu brauchen wir Zucker überhaupt?

Glucose ist das Kohlenhydratmolekül, das vom Körper an den unterschiedlichsten Stellen für die unterschiedlichsten energieabhängigen Vorgänge verwertet werden kann: Aus Glucose wird durch einen Zyklus biochemischer Vorgänge das "ATP" (Adenosintriphosphat), der universelle Energiebaustein unseres Körpers. Fast alle anderen Kohlenhydrate müssen, bevor sie in Energie umgewandelt werden können, erst zu Glucose verstoffwechselt werden, wozu der Organismus übrigens leicht in der Lage ist. Der Rohr- oder Rübenzucker (Saccharose) zum Beispiel besteht zu gleichen Teilen aus Glucose und Fructose, muss also erst gespalten und umgewandelt werden, bevor er uns als Energiequelle zur Verfügung steht.

Da so viele der Vorgänge, die unser Leben ermöglichen, die Glucose als Energielieferanten nutzen, wird die Blutglucosekonzentration in relativ engen Grenzen konstant gehalten, um eine gleich bleibende Versorgung der Gewebe sicherzustellen.

Dazu haben wir ein komplexes System aus Stoffwechselreaktionen. Durch dieses wird erreicht, dass überschüssige Glucosemoleküle zu langen Ketten verknüpft und in Kohlenhydratspeicher gelagert oder in Fettgewebe umgewandelt werden, was die Speicherung von noch mehr verbrennbarer Energie auf noch kleinerem Raum ermöglicht. Sinkt der Blutglucosespiegel ab, werden zunächst die Kohlehydratspeicher wieder genutzt, um Glucosemoleküle ins Blut abzugeben. Aus Fettgewebe allein kann allerdings keine Glucose mehr hergestellt werden. Dazu werden noch andere Stoffe, die zum Beispiel durch Proteinabbau bereitgestellt werden, benötigt.

In extremen Hungersituationen können aus dem Körperfett aber noch die so genannten Ketone hergestellt werden, die auch zur Bereitstellung von ATP herangezogen werden können. Dieser Stoffwechselweg ist nicht sehr effizient und hat noch einige unangenehme Nebenwirkungen, weshalb er eigentlich nur in Ausnahmesituationen zum Tragen kommt.

Was hat Zucker mit dem Gehirn zu tun?

Anders als die meisten anderen Gewebe ist unser Nervengewebe so gut wie nicht in der Lage, etwas anderes zu verstoffwechseln als Glucose. Das liegt daran, dass die Nervenzellen sich im Laufe der Evulotion so weit auf unsere Fähigkeit zu denken spezialisiert haben, dass ihnen dabei bestimmte Stoffwechselfähigkeiten abhanden gekommen sind. Eine Nervenzelle kann man also auf eine Art mit einem Professor vergleichen, der zwar in seinem Fach unglaublich genial ist, aber zu Hause die Konservendose nicht aufkriegt.

Nun sollte ja, wie dargestellt, der Blutzuckerspiegel unter zivilisierten Bedingungen konstant gehalten werden, also immer genug Glucose im Blut sein, damit unser Hirnkasten die volle Leistung bringen kann. Aber: Ausnahmen sind nur die Ausnahmen. Auch bei gesunden Menschen kann der Blutzuckerspiegel mal ein wenig abrutschen - nicht so stark, dass gleich Gehirnzellen absterben, aber doch spürbar. Dazu ist gar keine körperliche Arbeit nötig, denn auch das Denken verbraucht Glucose in messbarem Umfang. Wenn also die Denkleistung und Konzentration merklich nachlassen, kann auch mal eine kleine Unterzuckerung dafür verantwortlich sein. Eine kleine Pause und ein Imbiss haben schon so manchen aus der völligen Hirnstarre gerettet. Dabei sei natürlich dahingestellt, ob nun wirklich die Glucose oder einfach das kurze Abschalten und der gustatorische Genuss die Leistungsfähigkeit zurückgebracht haben.

Sicher ist nur, dass eine kleine Zuckerzufuhr gelegentlich eine große Wirkung zeigen kann. Und wer für eine Pause keine Zeit hat, der kann es ja mit einer Ladung Traubenzucker versuchen. Der wird im Unterschied zum Rohrzucker nämlich sofort ins Blut aufgenommen. Warum? Weil Rohrzucker, wie schon erwähnt, aus zwei unterschiedlichen Zuckermolekülen besteht (Glucose und Fructose), während im Traubenzucker nur Glucosemolküle zu finden sind. Dadurch erspart man seinem Organismus den einen oder anderen Stoffwechselschritt, was er mit einem schnellen Anstieg der Blutglucose quittiert.

Auch die viel gescholtene Schokolade hat an dieser Stelle eine Erwähnung verdient: Sie enthält nämlich nicht nur viel (Rohr-)Zucker, sondern auch Coffein, was sie zu einem geeigneten Mittel für eine "Gehirnspülung" macht. Aber Vorsicht: Der erhobene Zeigefinger ist aus seiner Pause zurück und weist zu recht darauf hin, dass Kalorien und Karies ihre Wirkung völlig rücksichtslos wie gewohnt entfalten, auch wenn wir die Schokolade nicht zum Genuss, sondern nur zur Steigerung unserer Vigilanz verspeist haben.